29.06.2011 | Grabung | Donnersberg
Grabung: Toranlage des keltischen Oppidums auf dem Donnersberg
In den zahlreichen Grabungskampagnen des damaligen Amtes für Bodendenkmalpflege Speyer in den 1970 und frühen 1980er Jahren waren mehr als ein Dutzend Wallschnitte angelegt, einige Flächen im Inneren der umgebenden einstmaligen Mauer untersucht und weitere Schnitte geöffnet worden.

Abb. 1 Blick von außen auf das Südosttor des Oppidums vor der Ausgrabung.

Abb. 2 Drei Mauerphasen der Südost-Stadtmauer an der Toranlage.

Abb. 3 Die drei Phasen der Südostmauer von oben gesehen.

Abb. 4 Freilegung der westlichen Torwange des Zangentores. Nur noch zwei Steinlagen sind hier erhalten.

Abb. 5 Blick aus der Oppiduminnenfläche über die freigelegte Torgasse nach Südosten.

Abb. 6 Die östliche Torwangenmauer – in Pfostenschlitztechnik aufgebaut wie die Stadtmauern – ist noch mehrere Steinlagen hoch erhalten und weist zwei deutlich erkennbare Pfostenschlitze im Ausgrabungsbereich auf.

Abb. 7 Schemazeichnung der Toranlage mit den Grabungsergebnissen. Oben die vier mächtigen Pfostengruben für das hinter der Mauer stehende Torhäuschen (Zeichnung A. Zeeb-Lanz).

Abb. 8 Idealrekonstruktion des Südosttores des Donnersberg-Oppidums mit Blick über die Rheinebene (3d_Digitalrekonstruktion Roland Seidel).
Doch eine der fünf oder möglicherweise sogar sechs Toranlagen im Stadtmauerring hatte der Ausgräber H.-J. Engels nicht untersucht. Somit war die Konstruktion dieser Eingänge in eine der größten spätkeltischen „protourbanen“ Großsiedlungen nördlich der Alpen bis vor kurzen noch nicht näher bekannt.
Im Rahmen der archäologischen Untersuchungen, die seit 2009 als Teil des LEADER-Plus-Projektes „LAG Donnersberger und Lautrer Land“ auf dem Donnersberg stattfinden, konnte nun ab Mai 2011 die Teilausgrabung einer – den erhaltenen Wällen nach zu urteilen – gut erhaltenen Toranlage in Angriff genommen werden. Bei den Toren des Donnersberg-Oppidums handelt es sich um die für keltische befestigte Anlagen typische Variante des sog. Zangentores (Abb. 1).
Bei dieser Konstruktion führen zwei Torwangen mehrere Meter (bis zu 36 m – Oppdidum Fécamp, Seinte Maritime, Frankreich) in das Innere der Siedlung, meist rechtwinklig zur Befestigung, von der sie abzweigen. Am Ende der Torgasse befand sich dann das eigentliche Stadttor. Auf diese Weise konnten vordringende Feinde von beiden Seiten der Torgasse aus angegriffen und regelrecht „in die Zange genommen“ werden. Für eine Reihe von keltischen Zangentoren ist auch ein – wohl überdachter – Aufbau über dem Tor nachgewiesen. Spuren solcher Torhäuser finden sich anhand von Pfostengruben längs der Torwangen an deren inneren Ende. Wie die frühkeltische Toranlage auf der Heidenmauer bei Bad Dürkheim– als nächstgelegenes Beispiel – zeigt, wurde offenbar gelegentlich im Torbereich die Konstruktionsweise der Mauern geändert. So finden sich auf der Heidenmauer im Torbereich Pfostenschlitze als Nachweis einer mit vertikalen Frontpfosten versehenen Trockenmauer, während die Umfassungsmauer der Siedlung dort in der ebenfalls typisch keltischen Art des „Murus Gallicus“ (Holzkastenkonstruktion mit vorgeblendeter Steinmauer) erbaut worden war. Daher stand auch für den Donnersberg nicht fest, dass die Torwangen unbedingt in der sonst auf dem Berg üblichen Variante der Pfostenschlitzmauer konstruiert waren.
Das Südosttor des Donnersberg-Oppidums, nahe des Ludwigsturmes im Süden des sog. Ostwerkes, erschien aus mehreren Gründen gut geeignet für eine Ausgrabung. Das ebene Plateau des Turmes, nur wenige Meter von der Toranlage entfernt, eignet sich bestens für die Einrichtung des Grabungsbüros, das aus den in den Donnersberg-Grabungen der letzten Jahre schon bewährten zwei „Oldtimer“-Bauwagen sowie einem Materialcontainer bestand. Bis hier kann der Berg auch mit dem Auto befahren werden, während andere Toranlagen in für moderne Verkehrsmittel nicht befahrbaren Bereichen des Berges liegen. Außerdem, und dies war der aus archäologischer Sicht ausschlaggebende Grund, sind beide Torwangen gut sichtbar als ca. 5 m lange Wälle erhalten. Zwar flachen beide zu ihrem Ende hin stark ab, doch zeigten sie im Vergleich mit den anderen Toranlagen einen noch viel versprechenden Erhaltungszustand (Abb. 2).
Um möglichst den Aufbau einer Mauerecke dokumentieren zu können, wurde im Bereich der Außenmauer nahe des Umbiegens von Stadtmauer zu Torwange mit den Ausgrabungen begonnen. Wie zu erwarten war – Engels hatte dies bereits in einer Ausgrabung der 1970er Jahre an der Südmauer des Ostwerkes nachgewiesen – zeigten sich nach Abtrag des erheblichen Steinversturzes die Überreste von drei voreinander stehenden Mauern. Damit ist nun auch erstmals belegt, dass es sich bei den drei von Engels, ca. 300 m weiter östlich, vorgefundenen drei Mauern nicht um eine lokal eng begrenzte Erneuerungsmaßnahme gehandelt hatte, sondern dass die Südmauer über eine längere Strecke hinweg zwei mal neu aufgebaut wurde (Abb. 3).
Bei der Freilegung der Ecksituation zeigte sich jedoch, dass diese weitgehend gestört war; wie im weiteren Verlauf der Untersuchung der westlichen Torwange deutlich wurde, hatte man in nachkeltischer Zeit – vermutlich im Mittelalter oder der frühen Neuzeit, als der Berg landwirtschaftlich genutzt wurde – den vorhandenen, damals sicher durch Versturzmaterial erheblich verengten Durchgang durch den Wall verbreitert und dabei die Ecke und die ersten 3 m der Tormauerfront regelrecht abrasiert (Abb. 4). Da die Ecke der östlichen Torwange dicht mit Bäumen bestanden ist, deren Wurzeln nicht nur eine Ausgrabung erheblich erschweren, sondern sicherlich – dies eine Erfahrung aus den Grabungen der letzten Jahre – die ursprüngliche architektonische Situation erheblich verunklaren dürften, wurde auf die Freilegung der zweiten Ecke bewusst verzichtet.
Wir konzentrierten unsere Arbeiten vielmehr auf den rückwärtigen Bereich der westlichen Torwange, wo die akribische Freilegungsarbeit der vierköpfigen Grabungsmannschaft unter der örtlichen Leitung von Grabungstechniker Ulrich Mayer dann auch bald fündig wurde. Ca. 3,5 m entfernt von der Stadtmauer-Wallschüttung fanden sich die unteren drei Lagen der Außenschale der Torwangenmauer (Abb. 5).
Im bisher freigelegten Bereich konnten auch zwei senkrechte Schlitze dokumentiert werden, welche deutlich für eine Konstruktion der Torwangenmauern als Pfostenschlitzmauern sprechen. Der Abstand der beiden bislang freigelegten Schlitze beträgt lediglich 0, 80 m und ist damit deutlich geringer als in der Außenmauer (2,60 – 3 m) oder im Zwischenwall (1,00 – 1,25 m).
Um die konkrete Breite der Torgasse festlegen zu können, wurde in einem begrenzten Schnitt von ca. 3 m auch die östliche Torwange untersucht. Es zeigte sich dabei, dass die Pfostenschlitzmauer an dieser Seite erheblich besser erhalten ist und noch bis zu fünf Lagen hoch dokumentierbar war (Abb. 6). Somit ergibt sich für die Torgasse eine maximale Breite von 4,30 m, was für eine keltische Toranlage nicht unbedingt sehr großzügig ist. Manching, das große Oppidum in der Ebene bei Ingolstadt etwa, weist im gut untersuchten Osttor der Siedlung eine Breite der Torgasse von 14 m (außen) bis 12 m (innen) auf; die Durchfahrt durch das Tor hat immerhin noch eine Breite von 7,50 m. Daher ist für das Donnersberg-Tor nicht unbedingt davon auszugehen, dass es hier eine Ein- sowie eine Ausfahrt gegeben hatte. Auszuschließen ist dies allerdings momentan auch noch nicht, denn Fahrspuren im Osttor von Manching belegen, dass die Breite der Wagenachsen zwischen den Rädern nicht mehr als 1,10 -1,15 m betrug. Bei allerdings engem Manövrierraum hätten also auch zwei sich begegnende Wagen in der Torgasse des Donnersberg-Oppidums durchaus genügend Platz gehabt.
Unklar ist zurzeit noch die rückwärtige Konstruktion der Torwangen – war hier auch ein Wall aufgeschüttet oder handelt es sich eher um eine zweischalige Mauerkonstruktion? Profilschnitte durch die Torwangen werden hier hoffentlich im Laufe der Grabungskampagne noch Aufschluss geben. Ebenso unsicher ist die Situation am Ende der Torgasse - ob es ein Torhaus à la Manching oder Dünsberg gab oder ob es lediglich ein massives Holztor war, welches anstürmenden Feinden den letzten Widerstand vor dem Eindringen in die Stadt bot, wird anhand akribischer Feinplana zum Auffinden möglicher Spuren (Pfostengruben) ebenfalls noch zu klären sein. Doch schon beim bisherigen Stand der Ausgrabungen lässt sich sagen, dass zahlreiche Detailbeobachtungen viele interessante Aufschlüsse über die Konstruktion und Architektur der Toranlagen des keltischen Oppidums auf dem Donnersberg ermöglichen.
Andrea Zeeb-Lanz